Yoga der erfüllung,
Yoga des entdeckens

Etwas fehlt immer.

Dieses grundlegende Gefühl färbt unser Leben auf die eine oder andere Weise, wer wir auch sein, was wir auch tun mögen.
Wir fühlen uns so, als hätten wir nicht genug, als kriegten wir nicht genug, als wären wir nicht genug.
Wir sehnen uns nach einem Zustand der Erfüllung, nach einem Zustand von sampoorna, Fülle, Vollständigkeit.
Zeitweilig finden wir Erfüllung in sinnlichen Freuden verschiedenster Art - doch unerklärlicherweise tragen diese Freuden nicht zum Mass an Vollständigkeit bei, die wir empfinden; ehrlich gesagt lassen sie uns noch sehnsüchtiger, noch leerer zurück, wenn die vorübergehende Befriedigung verblasst.

Wenn wir in unserem Leben zurückblicken, müssen wir zugeben, dass dies für alle Versuche gilt, vollständig, erfüllt zu werden, die nach aussen gerichtet sind, wie vielversprechend sie auch zunächst ausgesehen haben mögen. Es spielt keine Rolle, von was wir hoffen, erfüllt zu werden - unser Beruf, unsere Beziehungen zu anderen Menschen, Objekten wie Autos, Häuser, Kleidung oder High Tech Produkte, sinnliche Freuden wie Sex oder Essen - sobald wir uns etwas angeeignet und verinnerlicht haben, verliert es irgendwie seinen anziehenden, vielversprechenden Glanz. Wir wenden uns ab und suchen etwas anderes.

Nun könnten wir aus diesen Erfahrungen schliessen, dass dies zum Wesen aller weltlichen, äusserlichen Erfahrungen gehört und diese beginnen so zu sehen, wie sie wirklich sind: Hilfsmittel unseres Selbst, unserer Seele, zurück zu sich selbst zu finden. Doch da uns diese Welt mit Millionen verschiedener Masken begegnet, glauben wir wieder und wieder ihren Versprechungen, uns zufrieden zu machen, uns zu erfüllen, und wenn wir ehlich mit uns sind, müssen wir zugeben, dass es nicht die sinnlichen Erfahrungen sind, die diese Versprechen gemacht haben, sondern dass diese unserer eigenen Sehnsucht entspingen, Erfüllung zu erleben.

Also - wie können wir aus diesem nie anhaltenden Achterbahn der Hoffnung und Enttäuschung ausbrechen?

Die Meister antworten uns, dass wir innen, nicht aussen suchen müssen.

Der erste Schritt ist also, zu begreifen, dass die Suche nach Glück und Erfüllung zwangsläufig scheitert, wenn wir blindlings unseren Sinnen folgen.
Der zweite Schritt ist, in eine andere, oft völlig vernachlässigte Richtung zu schauen: nach innen.

Nun tauchen möglicherweise sofort mindesens drei Fragen auf, wenn wir diesen komischen Rat hören:
• Wodrin sollen wir suchen?
• Wie können wir praktisch gesehen diesen Richtungswechsel von 'draussen suchen' nach 'drinnen suchen' beginnen?
• Und: Warum sollten wir diesem Rat folgen, weshalb macht er Sinn?

Was bedeutet also 'innen' in diesem Zusammenhang?
Suche im Aussen verstehen wir zur Genüge; wir sind die meiste Zeit unseres Lebens damit beschäftigt. Wir kaufen Dinge, die versprechen, 'jetzt neu' oder 'verbessert' zu sein und in die wir daher die Hoffnung legen können, dass sie der Schlüssel zu unserem verlorenen Glück sind; wir suchen Erfüllung in unserem Beruf, in un seren Beziehungen, im Essen, in Reisen, im Sport, in den Medien... die Liste ist endlos.
Doch- wo ist nun diese andere Richtung 'nach innen'?

Im Grunde haben alle spriituellen Praktiken mit dem menschlichen Geist zu tun.

Wie meistens, lohnt es sich auch hier, 'warum?' zu fragen, denn wenn wir etwas tiefer graben, finden wir hinter allen Unterschieden zwischen den spirituellen Lehren die selbe fundamentale Aussage, die alle Meister erfahren haben und weitergeben:
Perfektion, Fülle, Erfüllung, ist nichts anderes als unser wahres Wesen. Die Upanishads beschreiben es als 'Sat-Chid-Ananda', absolute Wahrheit (Sein), absolutes Bewusstsein (Wissen) und absolute Wonne.

Selbst, wenn Sie diese Worte schon hundert Mal gehört haben, lehnen Sie sich jetzt zurück, schauen Sie in den Himmel, nehmen Sie einen tiefen Atemzug und lassen Sie diese kraftvolle Wahrheit einsinken.
Mit ihr in der Tasche wird alles deutlich, die obigen Fragen schmelzen wie Wachs in der Sonne.
Alle spirituelle Praxis hat das Ziel, uns zu dem Punkt zu bringen, wo wir diese Wahrheit erfahren - dass wir selbst die Fülle, die Perfektion sind, dass wir alles, wonach wir uns sehnen, schon in uns tragen, dass wir eins sind mit allem.

Was uns davon abhält, unser eigenes wahres Wesen wahrzunehmen, ist unser Geist, der sich immer und immer wieder 'zwischen uns und die Wahrheit' schiebt mit seinem geflüsterten, doch deutlich vernehmlichen 'aber'. "Schau in den Spiegel - sieht Perfektion so aus?" und so weiter. Die Identifikation mit unserem physischen Körper und unseren Gedankenmustern ist so stark und tief verankert, dass es unmöglich ist, unabhängig davon zu denken. Wir müssen einen Trick benutzen, die eine oder andere Technik anwenden, um uns aus dem Wahn zu befreien, die uns glauben macht, wir selbst wären unser Körper, wir selbst wären unsere Gedanken.

Diesen Trick nennen wir 'spirituelle Praxis'. Schritt für Schritt hilft uns spirituelle Übung dabei, unseren Geist neu zu organisieren, ohne dass dieser sich dagegen auflehnt; Schritt für Schritt können wir uns so von allen Identifikationen mit dem lösen, was wir nicht sind, und mehr und mehr Brighu's Erfahrung teilen: 'Aus der Freude komme ich, in Freude lebe ich, und mit der Freude werde ich wieder verschmelzen' (Taittiriya Upanishad).

Zurück also zu unsere Frage: Mit 'innen' ist sicherlich der Geist gemeint. Wir sollen unsere Suche nach Erfüllung in unseren eignenen Geist richten.
Dadurch, dass wir begreifen, wie unser eigener Geist arbeitet, und dass wir Konzentrierationsfähigkeit erhöhen; dadurch, dass wir unsere eigenen mentalen Muster reinigen, indem wir tiefer und tiefer in Fragen wie "Wer bin ich?", "Was ist der Sinn meines Lebens?" usw. eintauchen, und unsere niederen Emotionen wie Lust, Gier und Angst in höhere Emotionen wie Liebe, Mitgefühl, Grosszügigkeit und Vergebung verwandeln, praktizieren wir etwas, was wie 'subjektive Wissenschaft' nennen können; wir untersuchen unseren eigenen Geist wie ein 'objektiver Wissenschaftler' Objekte in seinem Labor untersucht.
Dadurch, diese subjektive Wissenschaft zu verstehen und anzuwenden, dadurch, eine spirituelle Praxis zu beginnen, ändern wir bewusst die Richtung unserer Suche nach Erfüllung.

Doch wie können wir einen solchen Richtungswechsel einleiten, wenn wir uns für ihn entschieden haben?
Jede Veränderung bedeutet für den menschlichen Geist (und auch unser Umfeld) eine potentielle Gefahr. Unter anderem deshalb ist es wichtig, eine geeignete Methode zu wählen.
Shri Yogi Hari gibt uns ein perfektes Beispiel für diesen Richtungswechsel, den er 'turning point', Wendepunkt nennt:
Stellen Sie sich vor, Sie setzen sich in München ins Auto, um nach Hamburg zu fahren. Nach einigen Stunden Fahrt stellen Sie fest, dass Sie nach Süden, nicht nach Norden gefahren sind! Was müssen Sie jetzt machen?
Wenn Sie sofort das Steuer herumreissen, ist ein Unfall sei es mit, sei es ohne Zusammenstoss mit anderen, unabwendbar. Natürlich müssen wir bis zur nächsten Ausfahrt weiterfahren, blinken, bremsen, und wieder auf die Autobahn auffahren, jetzt in entgegengesetzter Richtung.
Bitte bedenken Sie, dass es Leute gibt, die diese nächste Ausfahrt mit der Begründung nicht nehmen, dass sie schon so lang in die falsche Richtung gefahren sind, und sie nicht den ganzen Weg wieder zurückfahren wollen...

Für uns als spirituell Suchende - und das sind wir, wenn wir uns dafür entscheiden, 'innen' zu suchen - kann dieses Beispiel wie folgt interpretiert werden: Zuallererst müssen wir begreifen, dass wir auf unserer Suche nach dem verloreneen Glück in die falsche Richtung gelaufen sind. Dann müssen wir trotz aller Ungeduld, die uns möglicherweise plagt, begreifen, dass wir nicht auf der Stelle umkehren können. Wir müssen vernünftig und verantwortungsbewusst handeln und die Umstände unseres Lebens berücksichtigen. Wir müssen den Richtungswechsel geduldig Schritt für Schritt vollziehen. Dabei ist es hilfreich, sich vor Augen zu halten, dass es bereits sehr grosse und wichtige Schritte sind, zu bemerken, dass die eingeschlagene Richtung die falsche ist, und zu beschliessen, die Richtung zu ändern, auch wenn es von aussen so scheinen mag, als hätte sich überhapt nichts verändert!

Die Antwort auf die dritte Frage, warum wir diesen Richtungswechsel machen sollten, ist bereits in und zwischen den obigen Zeilen beantwortet worden.
Fülle, Erfüllung, Göttlichkeit, Vollständigkeit, wahre Freude, Glück: All das sind Synoyme für unser eigenes, wahres Wesen.
Wir selbst sind Alles, in Wirklichkeit ist alles Eins.
In uns ist kein Mangel; es kann keinen Mangel an irgend etwas geben, weil wir eins mit diesem Einen ohne ein Zweites sind, so wie die Welle eins mit dem Ozean ist.
Stellen Sie sich eine Welle vor, die sagt: "Ich ziehe aus, um das Meer zu suchen!"
Wir sind nicht minder komisch als diese Welle.

Mehr und mehr anzuhäufen, kann nicht der Weg zur Erfüllung sein, weil wir bereits erfüllt, komplett, sind. Wir haben diese Tatsache schlichtweg vergessen, da wir uns für das halten, was wir in Wirklichkeit nicht sind: Name (ich bin Herr Sowieso), Geschlecht (ich bin ein Mann), Beruf (ich bin Schuster), Hautfarbe (ich bin ein Weisser), Nationalität (ich bin Deutscher), Religion (ich bin Protestant), Körper (ich bin 1,90m gross), Ego (ich bin ich), Gefühle (ich bin besorgt), Gedanken, Intellekt usw. - kurz, unsere 'Perönlichkeit'.

Die entgegengesetzte Methode muss angewendet werden: Mehr und mehr loslassen, loslassen von diesen falschen Bildern von uns selbst, die sich nur auf unser 'Werkzeug' beziehen, unsere äussere Hülle, nicht aber auf unsere wahre innere Natur.
Wir müssen entfernen, nicht hinzufügen; wir müssen eine Last nach der anderen abwerfen, die wir auf unsere Schultern geladen haben; wir müssen einen Schleier nach dem anderen lüften, der unsere Sicht versperrt, anstatt immer mehr Unwissenheit und Aberglauben anzuhäufen und immer mehr Schleier über den Kopf zu ziehen.
Wir müssen unseren Geist säubern statt ihn weiter zu benebeln und vollzustopfen.
Wir müssen entfernen, leeren, loslassen; wir müssen Schicht für Schicht unsere falschen Identifikationen abwerfen.

Am Wegesrand dieser Autobahn der spirituellen Praxis stehen, wie von den Schriften und Meistern beschrieben, die Wegweiser wachsender Freude, die uns bestätigen, dass wir uns wirklich in die richtige Richtung bewegen.
Diese inneren Bestätigungen lassen uns unsere Reise mit einem Gefühl der Sicherheit und Zuversicht beschleunigen, mit der unerschütterlichen Überzeugung, die den Lehren aller Meister, aller Religionen und aller Schriften gemeinsam ist: Der Überzeugung, dass wir nicht weniger sind als das strahlende, unsterbliche Selbst, der Überzeugung, dass wir hier und jetzt sind, um diese grundlegende Wahrheit voller Freude zu entdecken.

Vyasa, March 2010