Vor einigen Jahren glaubten die Menschen,
dass abends eine dunkle Kuppel über die Erde gestülpt
wird, der morgens wieder entfernt wird. Sie glaubten,
dass diese Kuppel kleine Löcher hat, durch die
das Sonnenlicht hindurchscheint. Sie nannten diese Löcher
'Sterne'.
In gewisser Hinsicht, oder besser:
Im Grunde genommen, befinden wir uns noch immer in diesem
Zeitalter.
Die Philosophie des Vedanta lehrt
uns, dass es eigentlich nur Eines gibt. Die Schriften
nennen es 'Das Eine ohne ein Zweites', 'das Absolute',
'das Göttliche', 'Wahrheit' oder auch schlichtweg
'Das'. Vielheit, all die verschiedenen Objekte, Menschen,
Namen, Formen, Farben usw. sind lediglich Erscheinungsformen
dieses Einen. 'Das' wurde Viele, um Sich Selbst zu erleben,
um mit Sich Selbst zu spielen. Das Eine ist
einfach, ungebunden durch Zeit und Raum.
Eine der grundlegensten Lehren aller
spirituellen Traditionen ist die Gleichheit dieses Absoluten
mit dem innersten Wesen jedes Individuums.
Dieses Absolute, dieses Unbeschreibliche
wird auch oft als 'Liebe' bezeichnet. In den Upanishaden
wird das Göttliche wiederholt als 'Herr der Liebe'
angesprochen, und Gleichsetzungen wie 'Gott ist Liebe'
oder 'Gott ist Wonne' tauchen wieder und wieder auf.
Und auch wenn wir die Liebe verstandesmässig nicht
fassen können (wie viele Popsongs mit dem Titel
'What is Love' mag es geben?), assoziiert jeder Mensch
sofort ein Gefühl mit dem Wort 'Liebe' und weiss
in gewisser Hinsicht, was damit gemeint ist. Doch im
Licht der Lehren des Yoga braucht die Liebe auch verstandesmässig
kein Geheimnis zu bleiben.
Wir praktizieren Yoga, um uns immer
näher auf diese Wahrheit zuzubewegen und schliesslich
unser eigenes Selbst ohne jegliche Verschleierung zu
erleben. Unser Ziel ist es, einengende Gefühle
der Wut, Angst oder Eifersucht hinter uns zu lassen,
die uns vom Rest der Welt trennen und unsere wahre Natur
verbergen, indem sie unseren Geist erregen. Unser Ziel
ist es, befreiende, erhebende Gefühle wie Mitgefühl,
Vergebung und natürlich Liebe zu unterstützen,
die bewirken, dass wir uns unserer Verbundenheit mit
allem und unseres eigenen wahren Selbsts gewahr werden,
indem sie dem Geist Frieden und Ruhe schenken. Unser
Ziel ist es, die Wahrheit, die Einheit zu erfahren und
'Gott überall zu sehen', wie es in den Schriften
heisst.
Bhakti Yoga lehrt uns, dass wir eine
persönliche Beziehung zu Gott brauchen. Diese Beziehung
kann jede beliebige Form annehmen. Wie können uns
auf das Göttliche beispielsweise wie ein Kind auf
seinen Vater beziehen (wie Jesus es tat und lehrte),
wie ein Kind auf seine Mutter, wie ein Geliebter auf
seine Geliebte, wie eine Ehefrau auf ihren Mann, wie
ein Freund auf seinen Freund, wie ein Knecht auf seinen
Meister oder sogar andersherum. Jedes denkbare Beziehungsmodell
ist brauchbar, wenn es zu einer tiefen, starken Verbindung
führt, durch die wir unsere Hingabe und Liebe fliessen
lassen können.
Wenn wir diesen Gedanken von der anderen
Seite betrachten, finden wir ein anderes kraftvolles
Mittel, um 'Yoga der Gefühle' zu praktizieren.
Hier und jetzt in diesem irdischen Leben haben wir eine
Mutter, einen Vater, Freunde, vielleicht einen Ehemann
oder eine Ehefrau, vielleicht Kinder, vielleicht einen
Guru. All diese Menschen in unserem Leben, die wir lieb
haben, sind wie alles andere auch Erscheinungsformen
des Göttlichen. Wenn wir nun anstreben, das Göttliche
überall zu sehen, warum sollten wir es uns dann
schwer machen und uns zuerst dem Mülleimer oder
dem Massenmörder zuwenden, wenn wir auch mit der
Rose, unserer eigenen Mutter oder unserem eigenen Kind
beginnen können? Jeden Tag haben wir die wertvolle
Gelegenheit, durch die Menschen, die wir lieben, das
Göttliche zu fühlen und zu schauen, und das
Bewusstsein für die Tatsache zu entwickeln, dass
diese Menschen Gott sind, der in unser Leben tritt,
um uns zu versorgen, beschützen und belehren, um
unser Herz mit Freude zu erfüllen und mit uns zu
spielen.
Lassen Sie uns jetzt zurückkehren
zu dem Bild der schwarzen Kuppel, die nachts die Sonne
verbirgt und den paar Sonnenstrahlen, die als Sterne
durch diese Kuppel hindurchlinsen.
Dunkelheit wird oft als Metapher für
Unwissenheit verwendet. Die tiefste Unwissenheit, der
Ursprung aller Unwissenheit ist, dass wir unsere wahre
Natur nicht kennen. Licht steht für das Gegenteil:
Wissen. Das höchste Wissen ist es, das Selbst zu
kennen.
Es gibt nur eine Wahrheit, die wie
die Sonne strahlt. Es gibt nur eine Liebe, die wie die
Sonne strahlt. Der Himmel ist schwarz wegen der schwarzen
Kuppel der Unwissenheit, die die Wahrheit, die Liebe
verbirgt. Durch ein paar Löcher in der Kuppel fällt
ein wenig Licht hindurch, das wir als Sterne wahrnehmen;
für ein paar Menschen (oder auch andere Teile der
Schöpfung wie Tiere, Pflanzen, Steine, Autos oder
Ideen), die wir 'unsere Lieben' nennen, fühlen
wir Liebe, diese eine Liebe, die durch die Kuppel unserer
Unwissenheit hindurchscheint. Unsere Eltern und Kinder,
unsere Ehefrau oder unser Ehemann usw. sind die Sterne
inmitten der Dunkelheit.
Diese Liebe fühlt sich anders
an für eine Mutter, einen Vater, eine Geliebte,
einen Freund, ein Kind, einen Guru oder einen Schüler,
doch diese Unterschiede verschwinden, wenn sich die
Liebe in Richtung Göttliche Liebe bewegt, bei der
das Ego, die persönliche Identifizierung, nicht
mehr beteiligt ist. Liebe zum Ehemann oder zur Ehefrau
mag mit Leidenschaft gemischt sein, Liebe zum Freund
mit Eifersucht und Liebe zum eigenen Kind mit Erwartungen,
doch genauso, wie alle Sorten Eis im Grunde aus Milch,
Sahne und Zucker bestehen, ist die Hauptzutat aller
dieser Erscheinungsformen der Liebe die gleiche: ein
reiner Funken des Absoluten, des Göttlichen, das
unerklärlicherweise seinen Weg durch den dicken
schwarzen Schleier unserer Unwissenheit findet.