an Seinem Bart ziehen

Einleitung

Manche von uns ziehen für ihn in den Krieg, manche lieben ihn, manche fürchten ihn, manche beten zu ihm – und sehr viele von uns reagieren sehr reserviert oder sogar allergisch, wenn sein Name genannt wird.

Nein, es geht nicht um Lord Voldemort, den Erzfeind von Harry Potter; von Gott soll in diesem Artikel die Rede sein.

Wegen eben dieser allergischen Reaktion, die mir als Yogalehrer auf Yogatagen und Yogaretreats oft begegnet, sobald mir das Wort „Gott“ die Lippen schlüpft, möchte ich mit diesem Artikel versuchen, ein wenig Licht auf dieses heikle Thema zu werfen. Keine Angst, es folgt keine Predigt! Über Gott lässt sich ebenso sachlich reden wie über Bauchmuskeln oder Atemübungen.

Es fällt uns oft sehr schwer, unbedarft über Gott nachzudenken. Viele Menschen sind stolz auf ihre atheistische Einstellung, andere haben sehr vage und dogmatische Assoziationen zum Begriff "Gott" und wieder andere stecken alle transzendentalen Themen konsequent in die Schublade „für später, wenn mein weltliches Leben unter Dach und Fach ist“.

Und plötzlich, wenn wir beginnen, Yoga zu praktizieren, werden wir vielleicht hinterrücks mit dem Wort „Gott“ konfrontiert. „Bist du jetzt auch noch Hindu geworden?“, fragt vielleicht ein besorgter Freund mit skeptischem Blick auf Ihr neues Ganesha-T-Shirt, das Sie einfach nur gekauft haben, weil Sie es schön fanden; klassische Yogatexte beginnen mit Anrufungen von Gott und Guru; Mantras und Gesänge preisen Gott in tausendfachen Namen und ein Yogaschüler neben Ihnen verschränkt seine Arme vor der Brust und sagt: „Nein, dieses OM singe ich nicht, ich bin schließlich gläubiger Christ!“

Was hat es also im Yoga mit dem Begriff „Gott“ auf sich? Muss unser Verständnis und unser Zugang zu Yoga nicht reformiert, rationalisiert, aufgeräumt werden? Manche Yogaschulen brüsten sich direkt oder indirekt damit, alles „spirituelle“ Beiwerk beiseite zu lassen und sich ganz auf’s „Wesentliche“ beschränken – und meinen damit den physischen Körper.

Yoga strebt doch nach Wissen, Erkenntnis und Selbstverwirklichung - soll uns also von Unwissenheit und Aberglauben befreien. Was hat Gott also in unserer Yogapraxis zu suchen?

Als erstes werde ich verdeutlichen, welche verschiedenen Bedeutungen das zugegeben abgenudelte Wort „Gott“ im yogischen Kontext haben kann. Dann werde ich beschreiben, auf welche Weise und in welchen Bedeutungen der Gottesbegriff in den verschiedenen Yogawegen auftaucht und geradezu technisch angewendet wird, um uns auf dem Weg des Yoga voranzubringen und uns zuzubewegen auf das höchstes Ziel der Selbstverwirklichung, die ja bezeichnenderweise auch Gottverwirklichung genannt wird!

Brahman = das Absolute

Beginnen wir auf höchster Ebene, beim Absoluten, das schlichtweg alles umfasst. Eigentlich müsste man es „All“ oder „Universum“ nennen, doch leider beziehen sich diese Begriffe in unserer Sprache lediglich auf die materielle Ebene, und daher ist es sinnvoll, auf einen anderen Begriff auszuweichen. Das Absolute könnte auch problemlos unter dem Namen "Wahrheit" durchgehen.

In der Vedanta-Philosophie wird das Absolute als „das Eine ohne ein Zweites“ beschrieben und Brahman genannt.

Dies ist die umfassenste und vollständigste Bedeutung, die der Begriff „Gott“ haben kann. Unserem beschränkten menschlichen Geist ist es nicht möglich, diese Allgegenwart, diese Allmacht und dieses Allwissen zu fassen: Nichts ist nicht Teil von Brahman, es gibt kein Außen und damit auch kein Innen. Brahman hat keine Eigenschaften; jeder Gegensatz jeder denkbaren Eigenschaft ist ebenfalls Teil von ihm. Selbst die vorangegangene Formulierung „Teil von“ ist auf Brahman bezogen im Grunde sinnlos. Brahman ist einfach, Punkt, aus, auch wenn Vedanta versucht, unserem Geist durch Umschreibungen wie „Sat-Chid-Ananda“, „Absolutes Sein (absolute Wahrheit), absolutes Wissen (absolutes Bewusstsein) und absolute Wonne (absolute Selig-keit)“ einen Anhaltspunkt zu geben.

Wegen dieser Unfassbarkeit nennt man Brahman auch „transzendental“, d.h. den Geist übersteigend, oder „niguna“, ohne Eigenschaften. Brahman wird durch „OM“ symbolisiert und schon fast humorvoll oft auch einfach „DAS“ genannt, „das, was wir nicht in Worte fassen können“.

Atman = die individuelle Seele

Eine zentrale Aussage der vedantischen Philosophie ist die Identität von Brahman, dem Absoluten, mit der individuellen Seele, dem Atman. „Der Funke Gottes wohnt in unserem Herzen“, sagen wir poetisch, oder etwas trockener einfach: „Aham Brahmasmi“, d.h. „Ich bin Brahman“.

Natürlich bin ich Brahman, wenn Brahman alles ist und als einziges existiert!, können wir einfach agumentieren, doch zu einer direkten Erfahrung des Absoluten kommt es durch intellektuelle Argumentation nicht, sondern nur durch eigene spirituelle Praxis. Dennoch sind Gedanken wie „ich bin Brahman“ höchst erhebend und unterstützend auf dem spirituellen Weg, weil sie uns dabei helfen, unsere Indentifikationen mit dem aufzulösen, was wir nicht sind, und uns aufzeigen, was wir in Wirklichkeit sind: die Seele, der Atman.

Die Identität von Brahman, Gott als das Absolute, und dem Atman, der individuellen Seele, bedeutet, dass Sie selbst nicht anderes als göttlich sind.

Ishwara = das geistige Abbild des Absoluten

Nun ist jedoch alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, charakterisiert durch Vielfältigkeit, Gegensätze, Bewegung usw.; von Einheit keine Spur. Der bunte Irrgarten, die scheinbare Vielfalt, die wir Maya nennen, betrifft alles, auch den Begriff „Gott“: Es liegt in der Natur des Geistes, sich von allem ein Bild zu machen, womit er in Kontakt kommt, um damit umgehen zu können. Im Geiste jedes einzelnen Menschen entsteht eine Vorstellung von Gott, sobald er mit diesem Begriff in Berührung kommt, gleichgültig, ob oder in welcher Weise er an Gott glaubt. Diese Vorstellung, dieses Bild nennen wir Ishwara.

Bildhaft gesprochen sagen wir, Ishwara ist Brahman projiziert durch Maya.

Ishwara weist zwangsläufig bestimmte Eigenschaften auf, sonst bliebe es unfassbar für den Geist. Darum wird Ishwara auch „saguna“, mit Eigenschaften, genannt. So lange sich unser Geist im gewöhnlichen Wach- oder Schlafzustand befindet, können wir nur ein solches geistigen Bild denken und auch nur mit diesem in Beziehung treten.

Zu verstehen, dass wir uns im Grunde immer auf unser persönliches Gottesbild beziehen, ist von großer Bedeutung, weil das bedeutet, dass jeder Mensch ein anderes hat– und es dadurch schnell zu Streitigkeiten bzw Kriegen kommen kann. Viele Menschen sagen: „Es gibt nur einen Gott-“ und denken im Stillen weiter: „-und zwar den Meinen!“

Ishwara ist also der gute, alte Gott, wie wir ihn kennen.

Ishta Devata = das gewählte Ideal

Yogis streben nach Vollkommenheit, und für dieses Streben ist ein Bild dieser Vollkommenheit nötig.

Das persönliche Gottesbild eines Menschen, das durch Erziehung, Kultur, Religion usw geformt und übernommen wird oder auch bewusst vom Betreffenden selbst geformt werden kann, wird Ishta Devata, das gewählte Ideal, genannt.

Martin Luther schrieb: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, eine wundervolle Erläuterung des Ishta Devata. Man beachte in dieser Definition die aktive Position des Angesprochenen – er hängt sein Herz aktiv an Gott, entscheidet sich also bewusst für eine bestimmte Form Gottes, die er verehrt. Überdies verwendet Luther die Formulierung „dein Gott“ – jedem der Seine!

Da Yoga dem hinduistischen Kulturkreis entsprungen ist, begegnen uns in Zeichnungen, Statuen, Liedern und Mantras oft bestimmte traditionelle hinduistische Aspekte des Einen. Sicher sind hier Brahma, Vishnu und Shiva zu nennen, Personifizierungen der schöpfenden, erhaltenden und transformierenden Kraft, die auf allen Ebenen des Lebens wirken. Auch Rama und Krishna - genauer gesagt: deren mentale Bilder - werden als persönliches Ideal verwendet, um dem Leben Ziel und Richtung zu geben. Doch auch alle anderen Religionen haben ihre eigene Art, Gott mit bestimmten Eigenschaften auszustatten. Anderenfalls würden die heiligen Schriften aus leeren Seiten bestehen, was höchst philosophisch wäre, uns Menschen jedoch nicht wirklich weiterhelfen würde.

Im Christentum z.B. wird Gott oft personalisiert als Vaterfigur beschrieben, dem verschiedene menschliche Eigenschaften wie Vergebung, Beschützung, Strenge usw. zugeschrieben werden. Auch hier finden wir also das Fassbarmachen der absoluten Allmacht, das Entwerfen eines Modells, das unser Geist begreifen kann.

Die Begriffe „Brahman“, „Atman“ und „Ishwara“ entstammen zwar dem hinduistischen Gedankengut, sind aber als völlig kultur- und religionsneutrale Konzepte zu verstehen und werden hier auch so aufgefasst. Jede spirituelle Lehre beschreibt und erläutert genau diese Konzepte mit anderen Woren. Nehmen Sie z.B. Jesus’ Aussage „Ich und der Vater sind eins“, in der die 3 Konzepte wundervoll zusammen kommen: „Ich“ ist der Atman, der „Vater“ Ishwara und „eins“ lässt beide in der Einheit, Brahman, verschmelzen.

Jeder Mensch hat Ideale, seien es Popstars, Schauspieler oder Heilige, sei es Geld, Macht oder Liebe, seien es nach unten ziehende, verwirrende, oder erhebende, befreiende Qualitäten.

Wir haben allzeit die Wahl, und so können wir uns auch unser Ideal frei wählen, gestalten und ausschmücken. Ein Ideal hat die Aufgabe, uns zu inspirieren, uns Mut zu machen und unserem Leben eine Richtung zu geben – die Richtung, für die wir uns entschieden haben.

Keine falsche Bescheidenheit: Warum nicht nach dem Höchsten streben?

Gott: Transzendent oder immanent?

Werden wir von unserem Intellekt dominiert, dann denken wir schnell: „Kinderkram! Wie kann Gott, der doch allmächtig, allumfassend und allgegenwärtig sein soll, Eigenschaften haben oder gar menschliche Züge aufweisen? Selig sind die geistig Armen, da stehe ich drüber!“

Zu dieser Haltung äußert sich der Seher der Isha Upanishad deutlich:

„In dunkler Nacht leben die, für die der Herr
Allein transzendent(*) ist; in dunklerer Nacht sogar die,
Für die er allein immanent(**) ist.
Die jedoch, für die er sowohl transzendent
als auch immanent ist, überqueren das Meer des Todes
Mit Hilfe des Immanenten und gehen ein
in die Unsterblichkeit mit Hilfe des Transzendenten.
So haben wir es von den Weisen vernommen.“
(Isha Upanishad, 12-14)

(*) jenseitig, übersteigend
(**) innewohnend

Wie schon erwähnt, hat der Geist eine konkrete Form nötig, um sich darauf zu richten.

Wenn wir sagen: „Gott ist transzendent, jenseits aller Namen und Formen“ oder auch: „Mein Gott ist alles / das Universum / die Natur / reine Energie“, dann führt uns das kein Stückchen weiter, weil unser Geist dieses „Transzendente“, „alles“, „das Universum“ usw. nicht fassen kann. Unsere Einstellung wird „wischi-waschi“, nichtssagend, weil zu hoch und dadurch in Leere gegriffen.

Vergessen wir andererseits das allmächtige, transzendente Brahman hinter unserem eigenen, persönlichen Gottesbild und sehen wir Gott nur immanent = in der Statue, in einem Abbild, in einer bestimmten Person o.ä., so werden wir schnell fanatisch und abergläubisch. Das Boot Ishwara, dessen Aufgabe es ist, uns über das Meer des Todes zu bringen, wie die Upanishad unseren derzeitigen Zustand dramatisch nennt, wird zu einer Götze. So stellt die Upanishad auch hier Dunkelheit = Unwissenheit fest, die die eigene Entwicklung beeinträchtigt.

Erkennen und akzeptieren wir aber die Beschränktheit unseres Geistes, ohne die allumfassende Natur Gottes aus den Augen zu verlieren, kann uns unser eigenes Ideal als Wegweiser auf unserer Abenteuerreise in Richtung Vollkommenheit dienen. Das Ishta Devata ist ein Fahrzeug, ein Werkzeug, das notwendig ist, um jegliche Identifikation mit allem, was wir nicht sind, abzuwerfen und somit das Ziel des Absoluten zu erreichen. Es verliert seine Bedeutung für den Verwirklichten, der sein Ziel erreicht hat; in Rom sind Wegweiser mit der Aufschrift „Rom“ überflüssig.

Sterben kann nur der, der sich mit seiner sterblichen Hülle identifiziert. Ist jede Identifikation mit aller Äußerlichkeit (im allgemeinsten Sinne: Name, Beruf, Körper, Geist, Geschlecht, Herkunft, Charakter, Gefühle, Intellekt usw.) abgelegt, erleben wir unsere Einheit mit dem Einen, erkennen wir unsere absolute, unsterbliche Natur. Unser Körper stirbt mit Sicherheit bald, wir selbst dagegen nie. Verwechseln Sie also den Begriff „Unsterblichkeit“, der in den Schriften häufig gebraucht wird, nicht mit dem ewigen Leben in Ihrem jetzigen physischen Körper!

Wozu aber das Ganze? Ist Gott nicht tot, Opium für’s Volk, Aberglaube?

Es scheint mir das Wichtigste, uns so weit wie möglich von vorhandenen, mitunter bis in die Kindheit zurückreichenden Vorstellungen zu lösen und die Sache mittels Logik und gesundem Menschenverstand zu betrachten. Natürlich kann der Name Gottes, gerade weil er so unbestimmt und gleichzeitig äußerst potent ist, leicht missbraucht werden (z.B. wurde und wird ja im Namen Gottes des Öfteren zu Kriegen aufgerufen), doch es ist klares Denken und Wissen, was den Missbrauch entlarvt und damt verhindern kann.

Gelingt es uns, uns offen auf einen Gottesbegriff einzulassen, der auf Wissen basiert und nicht auf blindem Glauben, eröffnet sich eine wunderschöne und kraftvolle Dimension in unserer spirituellen Praxis.


Der Gottesbegriff in den verschiedenen Yogawegen

Jeder, der danach strebt, seine eigene Natur und damit seine Einheit mit allem zu erfahren, praktiziert Yoga (im weitesten Sinne), ob er diesen Begriff schon einmal gehört hat und auf sich anwendet oder nicht. Es gibt so viele Wege der Selbstverwirklichung, wie es Wesen gibt – im Grunde geht jeder seinen eigenen Weg.

Im Yoga (nun wieder im engeren Sinne) kategorisieren wir diese Wege nach dem Startpunkt der Reise. Es handelt sich um eine Betrachtung, die unabhängig ist von zugrunde liegender Kultur, Religion etc. So können wir den christlichen Mönch, dessen spirituelle Praxis vor allem im Gebet besteht, einen Bhakti Yogi, und denjenigen, der die Kunst des selbstlosen Arbeitens und Handelns versteht und anwendet, um seinen Geist zu befreien, einen Karma Yogi nennen.

Jeder der sechs Wege macht auf unterschiedliche Weise Gebrauch vom Gottesbegriff:

Im Raja Yoga, dem Yogaweg, der mit der Kontrolle des Geistes beginnt, ist Konzentration des Geistes der Ausgangspunkt zur Meditation. Wir benötigen also ein Objekt der Konzentration. Wir können uns nicht auf etwas konzentrieren, ohne ein ausreichend konkretes Bild von diesem „etwas“ in unserem Geist zu haben. Theoretisch ist alles Denkbare als Konzentrationsobjekt wählbar. Da wir jedoch mit fortschreitender Übung mehr und mehr eins werden mit dem Konzentrationsobjekt (Man denke z.B. an christliche Nonnen, die jahrelang intensiv über Christus’ Kreuzigung kontemplieren und schließlich seine Schmerzen empfinden und körperlich seine Wunden manifestieren), ist es jedoch ratsam, ein positives Konzentrationsobjekt = Ishta Devata zu verwenden.

In der Lehre des Karma Yoga, dem Yoga des selbstlosen Handelns, begegnet uns die Formulierung: „Tue, was du tun hast, so gut du kannst, und überlasse die Früchte deinen Handelns dem Herrn.“ Gott wird hier sozusagen als Blitzableiter eingesetzt: Wenn wir uns auf die Früchte unserer Handlungen ausrichten und die Einstellung haben, dass wir dies und das getan und deswegen das gute Recht auf das Resultat haben, agieren wir von Standpunkt des kleinen Selbst aus, nehmen Kritik persönlich und sind anfällig für Hemmungen, Ängstlichkeit und Verbissenheit.

'Karma' heisst 'Handlung', und das Gesetz vom Karma besagt, dass jede Handlung einen Effekt nach sich zieht. Wenn eine Handlung selbstsüchtig motiviert ist, dann wird sie einen bestimmten Effekt haben, und nur wir selbst können und müssen diese Früchte der Handlung ernten. Wir „erzeugen Karma“, und das Rad von Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion, Leben und Sterben fährt fort, unser Leben zu bestimmen, da wir wieder und wieder die Früchte unserer Taten ernten müssen. Wir verstricken uns mehr und mehr in Spekulationen über die Zukunft, anstatt unser Leben hier und jetzt zu leben.

Sehen wir uns dagegen etwas bescheidener als Instrument einer höheren Macht bzw. als Teil eines Ganzen, der seine Rolle spielt, so werden wir durch blosse Änderung des Standpunktes befreit von der Last, die selbstgerichtetes Handeln mit sich bringt. Wir verlieren keine Kraft an unnötige Ängste vor möglichem Versagen und können mit all unserer Energie handeln.

Ohne Ishta Devata ist dieser mächtige Kunstgriff nicht möglich.

In den Schriften des Jnana Yoga, dem Yogaweg des Intellekts, beleuchten kraftvolle Metaphern die oben angedeutete Natur Brahmans, seine Identität mit der individuellen Seele, dem Atman und die Stellung der materiellen Welt, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen. Der Ozean ist ein fruchtbares Feld für Metaphoren:

• Eine kleine Welle auf dem Ozean ist nichts als Wasser, nichts anderes als der Ozean also. Sprechen wir der Welle jedoch ein Ichbewusstsein zu, so liegt es nicht fern, dass sie sich mit ihrer Wellenform identifiziert und sich deshalb vom Ozean getrennt fühlt, sich mit anderen Wellen vergleicht, sich vor ihrem Vergehen fürchtet usw. Genauso sind wir Teil von Brahman wie auch alles andere. Wir sind und sehen nichts als Brahman, alles ist im Grunde eins und vergeht nie.

• Ein Fisch schwimmt im Ozean und macht sich auf die Suche nach dem Wasser, von dem er so viel gehört und gelesen hat. Genauso hören und lesen wir von Gott und machen uns auf die Suche nach ihm. Tatsächlich jedoch existieren wir allzeit in ihm wie der Fisch allzeit im Ozean existiert, wir müssen es „nur“ erkennen.

Im Hatha Yoga, dem Yogaweg, der auf der Ebene von physischem Körper und Atem beginnt, begegnet uns in der klassischen Schrift Hatha Yoga Pradipika das Bild der 64 Yoginis oder Devatas = Gottheiten, die den Körper des Menschen bewohnen. Metaphorisch werden hier die Funktionen oder Energien beschrieben, die das reibungslose Funktionieren des menschlichen Organismus gewährleisten. Betrachten wir unseren Körper als Tempel Gottes, und „bringen wir den Devatas Opfer dar“, d.h. respektieren wir die Gesetze und Bedürfnisse, denen unser Organismus unterworfen ist, werden wir von ihnen unterstützt und wir erfreuen uns guter Gesundheit. Missachten wir jedoch ein Mitglied dieses göttlichen Teams, dessen einzige Aufgabe, dessen einziger Wunsch es ist, uns so gut wie möglich zu dienen, vertreiben wir es aus unserem Körper und die entsprechende Funktion kann nicht mehr erfüllt werden. Krankheit ist die zwangsläufige Folge.

Wenn wir unser Leben im Allgemeinen und unsere spirituelle Praxis im Besonderen mit Hilfe eines Idealbilds auf das höhere, das höchste Ziel der Selbst- bzw. Gottverwirklichung ausrichten, laufen wir weniger Gefahr, uns auf dem bunten Spielplatz der Weltlichkeit zu verlieren und durch unsere Praxis lediglich unser kleines Ego zu füttern, eine große Falle gerade im Hatha Yoga.

Diese Einstellung zeigt sich auch in unserer Ernährung, einem wichtigen Faktor der spirituellen Praxis: Mit der richtigen Ausrichtung ernähren wir unseren Körper, um ihn für die spirituelle Praxis gebrauchen zu können; wir essen, um zu leben, und leben nicht, um zu essen.

Auf dem Weg des Bhakti Yoga, dem Weg der Hingabe, wird ein gewähltes Gottesbild verehrt, um uns auf Gefühlsebene zu reinigen. In jedem Menschen sind niedere Gefühle wie Wut, Hass, Neid, Eifersucht, Angst usw vorhanden, die ihre Wurzeln im Ich-Bewußtsein (Ego-ismus) haben. Sie isolieren uns von anderen und wirken zusammenziehend auf Herz und Geist. Durch Zeremonien, Gebet und Gesang werden im Bhakti Yoga diese in höhere Gefühle verwandelt, die unser Herz und unseren Geist weit und offen werden lassen: Liebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl, Vergebung usw. Gott (das Ishta Devata) kann laut den Lehren des Bhakti Yoga verschiedene Rollen für den Yogi spielen. Er kann eine Vater- oder Mutterfigur darstellen, Herr oder auch Diener sein, Freund, Geliebter, oder Ehemann oder Ehefrau. Die Wahl steht jedem frei.

Zur Praxis des Bhakti Yoga, dessen Ziel es ist, Gott in allem zu sehen, gehört es, in seinem engsten Umfeld zu beginnen und beispielsweise im eigenen Mann oder der eigenen Frau, den eigenen Kindern und den eigenen Eltern das Göttliche zu sehen. Dann kann der Kreis Schritt für Schritt auf Freunde, weitere Familie, Kollegen, Fremde, Tiere usw. erweitert werden. Wir brauchen gar nicht erst versuchen, den Massenmörder zu lieben, weil wir in einem Yogabuch gelesen haben, dass jeder und alles im Grunde göttlich ist, wenn wir nicht einmal sehen können, dass das Göttliche in Form unserer eigenen Mutter und unserer eigenen Kinder in unser Leben tritt.

In der konkretesten Form des Nada Yoga, nämlich dem Chanting, werden Mantras, Chants, Slokas und Bhajans gesungen, die uns von Yogameistern oder Heiligen überliefert wurden. Sie richten sich gewöhnlich ausdrücklich an einen bestimmten Aspekt Gottes, um die Gedanken des Singenden auf etwas Positives zu bündeln. (Ausnahmen bilden philosophische Bhajans, die den spirituellen Schüler ansprechen, um ihm Mut zu machen, ihn zu ermahnen oder ihm eine tiefe Wahrheit mitzuteilen.) Mantras werden seit Generationen von Meister an Schüler weitergegeben und wurden über Jahrtausende hinweg von Abertausenden von spirituell Suchenden gesungen, und wenn wir uns nicht nur als vom Rest der Welt getrennts Individuum sehen, sondern auch als Teil einer spirituellen Linie und als Teil der Gesamtheit aller spirituell Suchenden, die letztlich die gesamte Menschheit umfasst, dann können wir vielleicht die Unterstützung begreifen, die die Einweihung in ein Mantra und vor allem der Gebrauch desselben mit sich bringt.

Schluß

Die größte Gefahr im diesem Zusammenhang besteht darin, „Gott“ mit „Schicksal“ in einen Topf zu werfen, dadurch seine eigene Verantwortung zu ignorieren und die Wichtigkeit eigener Bemühung nicht zu erkennen, weil „sowieso alles so kommt, wie es kommt“. Der Weise Vasishtha legte Rama über mehrere Kapitel hinweg nachdrücklich aus: Schicksal im Sinne von Vorbestimmung gibt es nicht, alles hängt vom eigenen Handeln ab.

Die eingangs erwähnte, so oft anzutreffende allergische Haltung gegenüber allem, was mit Gott zu tun hat, hat meiner Ansicht nach zwei Hauptgründe. Menschen werden durch institutionalisierte Glaubensgemeinschaften wie die Kirche, in denen wie in allen grossen Organisationen Macht und Geld mitspielen und die ursprüngliche, reine Lehre dadurch verschleiert oder gar pervertiert werden kann, vom Begriff "Gott" davongejagt, und ausserdem kann eine auf den Begriff "Gott" allergische Haltung auf ein aufgeblähtes Ego hindeuten, das höhnisch rebellierend versucht, sein Territorium zu schützen; schliesslich will es in seinem kleinen Reich der einzige König sein!

Die ewige Frage nach der Existenz Gottes ist irrelevant und absurd weil wir prinzipiell nicht wissen können, worüber wir reden. Auf allgemeiner Ebene hat der Begriff "Gott" viele verschiedene Bedeutungen wie oben erläutert, und auf individueller Ebene hat jeder seine eigene Definition von Gott. Folglich vergleichen wir Äpfel mit Birnen, wenn wir über Gott reden. Es ist schön, über Obst zu sprechen, doch sollten wir im Hinterkopf behalten, dass es viele verschiedene Arten und Sorten gibt.

Wahrscheinlich wird niemand der Aussage widersprechen, dass es etwas gibt, wie wir es auch nennen mögen. Es gibt das Sein selbst, es gibt Raum und Zeit, es gibt die Welt, es gibt den Geist, es gibt Gesetze, die alle Schichten unseres Daseins regieren - und es gibt diese Sehnsucht in jedem von uns zu leben, zu erkennen und glücklich zu sein.

Alle Heiligen, Propheten und Seher versichern uns, dass es die Beschränktheit (oder, um es dramatischer zu formulieren, die Existenz) unseres eigenen Geistes sind, die uns von der direkten Erfahrung Gottes abhält. Weder der, der sich also noch nicht über seinen Geist erhoben hat, noch der, der jenen transzendentalen Bewusstseinszustand erlebt hat, kann also etwas über die Existenz Gottes aussagen. Der erste nicht, weil er Gott nicht erfahren hat, der zweite nicht, weil Gedanken und Sprache dem Reich der Dualität angehören und somit die Beschreibung einer transzendentalen Erfahrung prinzipiell unmöglich ist.

Andererseits erschaffen wir Gott selbst, indem wir ein inneres Bild von ihm, ein Ideal, ein Ziel für unsere eigene Entwicklung kreieren.
Genau dieses immanente Gottesbild ist neben einem Guru der stärkste Motor, ist die größte Unterstützung, die wir auf allen Yogawegen, allen Wegen der persönlichen Entfaltung haben können.

Vyasa Ameeuw, 2009