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an Seinem Bart ziehenEinleitungManche von uns ziehen für ihn in den Krieg, manche lieben ihn, manche fürchten ihn, manche beten zu ihm – und sehr viele von uns reagieren sehr reserviert oder sogar allergisch, wenn sein Name genannt wird. Nein, es geht nicht um Lord Voldemort, den Erzfeind von Harry Potter; von Gott soll in diesem Artikel die Rede sein. Wegen eben dieser allergischen Reaktion, die mir als Yogalehrer auf Yogatagen und Yogaretreats oft begegnet, sobald mir das Wort „Gott“ die Lippen schlüpft, möchte ich mit diesem Artikel versuchen, ein wenig Licht auf dieses heikle Thema zu werfen. Keine Angst, es folgt keine Predigt! Über Gott lässt sich ebenso sachlich reden wie über Bauchmuskeln oder Atemübungen. Es fällt uns oft sehr schwer, unbedarft über Gott nachzudenken. Viele Menschen sind stolz auf ihre atheistische Einstellung, andere haben sehr vage und dogmatische Assoziationen zum Begriff "Gott" und wieder andere stecken alle transzendentalen Themen konsequent in die Schublade „für später, wenn mein weltliches Leben unter Dach und Fach ist“. Und plötzlich, wenn wir beginnen, Yoga zu praktizieren, werden wir vielleicht hinterrücks mit dem Wort „Gott“ konfrontiert. „Bist du jetzt auch noch Hindu geworden?“, fragt vielleicht ein besorgter Freund mit skeptischem Blick auf Ihr neues Ganesha-T-Shirt, das Sie einfach nur gekauft haben, weil Sie es schön fanden; klassische Yogatexte beginnen mit Anrufungen von Gott und Guru; Mantras und Gesänge preisen Gott in tausendfachen Namen und ein Yogaschüler neben Ihnen verschränkt seine Arme vor der Brust und sagt: „Nein, dieses OM singe ich nicht, ich bin schließlich gläubiger Christ!“ Was hat es also im Yoga mit dem Begriff „Gott“ auf sich? Muss unser Verständnis und unser Zugang zu Yoga nicht reformiert, rationalisiert, aufgeräumt werden? Manche Yogaschulen brüsten sich direkt oder indirekt damit, alles „spirituelle“ Beiwerk beiseite zu lassen und sich ganz auf’s „Wesentliche“ beschränken – und meinen damit den physischen Körper. Yoga strebt doch nach Wissen, Erkenntnis und Selbstverwirklichung - soll uns also von Unwissenheit und Aberglauben befreien. Was hat Gott also in unserer Yogapraxis zu suchen? Als erstes werde ich verdeutlichen, welche verschiedenen Bedeutungen das zugegeben abgenudelte Wort „Gott“ im yogischen Kontext haben kann. Dann werde ich beschreiben, auf welche Weise und in welchen Bedeutungen der Gottesbegriff in den verschiedenen Yogawegen auftaucht und geradezu technisch angewendet wird, um uns auf dem Weg des Yoga voranzubringen und uns zuzubewegen auf das höchstes Ziel der Selbstverwirklichung, die ja bezeichnenderweise auch Gottverwirklichung genannt wird! Brahman = das AbsoluteBeginnen wir auf höchster Ebene, beim Absoluten, das schlichtweg alles umfasst. Eigentlich müsste man es „All“ oder „Universum“ nennen, doch leider beziehen sich diese Begriffe in unserer Sprache lediglich auf die materielle Ebene, und daher ist es sinnvoll, auf einen anderen Begriff auszuweichen. Das Absolute könnte auch problemlos unter dem Namen "Wahrheit" durchgehen. In der Vedanta-Philosophie wird das Absolute als „das Eine ohne ein Zweites“ beschrieben und Brahman genannt. Dies ist die umfassenste und vollständigste Bedeutung, die der Begriff „Gott“ haben kann. Unserem beschränkten menschlichen Geist ist es nicht möglich, diese Allgegenwart, diese Allmacht und dieses Allwissen zu fassen: Nichts ist nicht Teil von Brahman, es gibt kein Außen und damit auch kein Innen. Brahman hat keine Eigenschaften; jeder Gegensatz jeder denkbaren Eigenschaft ist ebenfalls Teil von ihm. Selbst die vorangegangene Formulierung „Teil von“ ist auf Brahman bezogen im Grunde sinnlos. Brahman ist einfach, Punkt, aus, auch wenn Vedanta versucht, unserem Geist durch Umschreibungen wie „Sat-Chid-Ananda“, „Absolutes Sein (absolute Wahrheit), absolutes Wissen (absolutes Bewusstsein) und absolute Wonne (absolute Selig-keit)“ einen Anhaltspunkt zu geben. Wegen dieser Unfassbarkeit nennt man Brahman auch „transzendental“, d.h. den Geist übersteigend, oder „niguna“, ohne Eigenschaften. Brahman wird durch „OM“ symbolisiert und schon fast humorvoll oft auch einfach „DAS“ genannt, „das, was wir nicht in Worte fassen können“. Atman = die individuelle SeeleEine zentrale Aussage der vedantischen Philosophie ist die Identität von Brahman, dem Absoluten, mit der individuellen Seele, dem Atman. „Der Funke Gottes wohnt in unserem Herzen“, sagen wir poetisch, oder etwas trockener einfach: „Aham Brahmasmi“, d.h. „Ich bin Brahman“. Natürlich bin ich Brahman, wenn Brahman alles ist und als einziges existiert!, können wir einfach agumentieren, doch zu einer direkten Erfahrung des Absoluten kommt es durch intellektuelle Argumentation nicht, sondern nur durch eigene spirituelle Praxis. Dennoch sind Gedanken wie „ich bin Brahman“ höchst erhebend und unterstützend auf dem spirituellen Weg, weil sie uns dabei helfen, unsere Indentifikationen mit dem aufzulösen, was wir nicht sind, und uns aufzeigen, was wir in Wirklichkeit sind: die Seele, der Atman. Die Identität von Brahman, Gott als das Absolute, und dem Atman, der individuellen Seele, bedeutet, dass Sie selbst nicht anderes als göttlich sind. Ishwara = das geistige Abbild des AbsolutenNun ist jedoch alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, charakterisiert durch Vielfältigkeit, Gegensätze, Bewegung usw.; von Einheit keine Spur. Der bunte Irrgarten, die scheinbare Vielfalt, die wir Maya nennen, betrifft alles, auch den Begriff „Gott“: Es liegt in der Natur des Geistes, sich von allem ein Bild zu machen, womit er in Kontakt kommt, um damit umgehen zu können. Im Geiste jedes einzelnen Menschen entsteht eine Vorstellung von Gott, sobald er mit diesem Begriff in Berührung kommt, gleichgültig, ob oder in welcher Weise er an Gott glaubt. Diese Vorstellung, dieses Bild nennen wir Ishwara. Bildhaft gesprochen sagen wir, Ishwara ist Brahman projiziert durch Maya. Ishwara weist zwangsläufig bestimmte Eigenschaften auf, sonst bliebe es unfassbar für den Geist. Darum wird Ishwara auch „saguna“, mit Eigenschaften, genannt. So lange sich unser Geist im gewöhnlichen Wach- oder Schlafzustand befindet, können wir nur ein solches geistigen Bild denken und auch nur mit diesem in Beziehung treten. Zu verstehen, dass wir uns im Grunde immer auf unser persönliches Gottesbild beziehen, ist von großer Bedeutung, weil das bedeutet, dass jeder Mensch ein anderes hat– und es dadurch schnell zu Streitigkeiten bzw Kriegen kommen kann. Viele Menschen sagen: „Es gibt nur einen Gott-“ und denken im Stillen weiter: „-und zwar den Meinen!“ Ishwara ist also der gute, alte Gott, wie wir ihn kennen. Ishta Devata = das gewählte IdealYogis streben nach Vollkommenheit, und für dieses Streben ist ein Bild dieser Vollkommenheit nötig. Das persönliche Gottesbild eines Menschen, das durch Erziehung, Kultur, Religion usw geformt und übernommen wird oder auch bewusst vom Betreffenden selbst geformt werden kann, wird Ishta Devata, das gewählte Ideal, genannt. Martin Luther schrieb: „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, eine wundervolle Erläuterung des Ishta Devata. Man beachte in dieser Definition die aktive Position des Angesprochenen – er hängt sein Herz aktiv an Gott, entscheidet sich also bewusst für eine bestimmte Form Gottes, die er verehrt. Überdies verwendet Luther die Formulierung „dein Gott“ – jedem der Seine! Da Yoga dem hinduistischen Kulturkreis entsprungen ist, begegnen uns in Zeichnungen, Statuen, Liedern und Mantras oft bestimmte traditionelle hinduistische Aspekte des Einen. Sicher sind hier Brahma, Vishnu und Shiva zu nennen, Personifizierungen der schöpfenden, erhaltenden und transformierenden Kraft, die auf allen Ebenen des Lebens wirken. Auch Rama und Krishna - genauer gesagt: deren mentale Bilder - werden als persönliches Ideal verwendet, um dem Leben Ziel und Richtung zu geben. Doch auch alle anderen Religionen haben ihre eigene Art, Gott mit bestimmten Eigenschaften auszustatten. Anderenfalls würden die heiligen Schriften aus leeren Seiten bestehen, was höchst philosophisch wäre, uns Menschen jedoch nicht wirklich weiterhelfen würde. Im Christentum z.B. wird Gott oft personalisiert als Vaterfigur beschrieben, dem verschiedene menschliche Eigenschaften wie Vergebung, Beschützung, Strenge usw. zugeschrieben werden. Auch hier finden wir also das Fassbarmachen der absoluten Allmacht, das Entwerfen eines Modells, das unser Geist begreifen kann. Die Begriffe „Brahman“, „Atman“ und „Ishwara“ entstammen zwar dem hinduistischen Gedankengut, sind aber als völlig kultur- und religionsneutrale Konzepte zu verstehen und werden hier auch so aufgefasst. Jede spirituelle Lehre beschreibt und erläutert genau diese Konzepte mit anderen Woren. Nehmen Sie z.B. Jesus’ Aussage „Ich und der Vater sind eins“, in der die 3 Konzepte wundervoll zusammen kommen: „Ich“ ist der Atman, der „Vater“ Ishwara und „eins“ lässt beide in der Einheit, Brahman, verschmelzen. Jeder Mensch hat Ideale, seien es Popstars, Schauspieler oder Heilige, sei es Geld, Macht oder Liebe, seien es nach unten ziehende, verwirrende, oder erhebende, befreiende Qualitäten. Wir haben allzeit die Wahl, und so können wir uns auch unser Ideal frei wählen, gestalten und ausschmücken. Ein Ideal hat die Aufgabe, uns zu inspirieren, uns Mut zu machen und unserem Leben eine Richtung zu geben – die Richtung, für die wir uns entschieden haben. Keine falsche Bescheidenheit: Warum nicht nach dem Höchsten streben? Gott: Transzendent oder immanent?Werden wir von unserem Intellekt dominiert, dann denken wir schnell: „Kinderkram! Wie kann Gott, der doch allmächtig, allumfassend und allgegenwärtig sein soll, Eigenschaften haben oder gar menschliche Züge aufweisen? Selig sind die geistig Armen, da stehe ich drüber!“ Zu dieser Haltung äußert sich der Seher der Isha Upanishad deutlich:
Wie schon erwähnt, hat der Geist eine konkrete Form nötig, um sich darauf zu richten. Wenn wir sagen: „Gott ist transzendent, jenseits aller Namen und Formen“ oder auch: „Mein Gott ist alles / das Universum / die Natur / reine Energie“, dann führt uns das kein Stückchen weiter, weil unser Geist dieses „Transzendente“, „alles“, „das Universum“ usw. nicht fassen kann. Unsere Einstellung wird „wischi-waschi“, nichtssagend, weil zu hoch und dadurch in Leere gegriffen. Vergessen wir andererseits das allmächtige, transzendente Brahman hinter unserem eigenen, persönlichen Gottesbild und sehen wir Gott nur immanent = in der Statue, in einem Abbild, in einer bestimmten Person o.ä., so werden wir schnell fanatisch und abergläubisch. Das Boot Ishwara, dessen Aufgabe es ist, uns über das Meer des Todes zu bringen, wie die Upanishad unseren derzeitigen Zustand dramatisch nennt, wird zu einer Götze. So stellt die Upanishad auch hier Dunkelheit = Unwissenheit fest, die die eigene Entwicklung beeinträchtigt. Erkennen und akzeptieren wir aber die Beschränktheit unseres Geistes, ohne die allumfassende Natur Gottes aus den Augen zu verlieren, kann uns unser eigenes Ideal als Wegweiser auf unserer Abenteuerreise in Richtung Vollkommenheit dienen. Das Ishta Devata ist ein Fahrzeug, ein Werkzeug, das notwendig ist, um jegliche Identifikation mit allem, was wir nicht sind, abzuwerfen und somit das Ziel des Absoluten zu erreichen. Es verliert seine Bedeutung für den Verwirklichten, der sein Ziel erreicht hat; in Rom sind Wegweiser mit der Aufschrift „Rom“ überflüssig. Sterben kann nur der, der sich mit seiner sterblichen Hülle identifiziert. Ist jede Identifikation mit aller Äußerlichkeit (im allgemeinsten Sinne: Name, Beruf, Körper, Geist, Geschlecht, Herkunft, Charakter, Gefühle, Intellekt usw.) abgelegt, erleben wir unsere Einheit mit dem Einen, erkennen wir unsere absolute, unsterbliche Natur. Unser Körper stirbt mit Sicherheit bald, wir selbst dagegen nie. Verwechseln Sie also den Begriff „Unsterblichkeit“, der in den Schriften häufig gebraucht wird, nicht mit dem ewigen Leben in Ihrem jetzigen physischen Körper! Wozu aber das Ganze? Ist Gott nicht tot, Opium für’s Volk, Aberglaube? Es scheint mir das Wichtigste, uns so weit wie möglich von vorhandenen, mitunter bis in die Kindheit zurückreichenden Vorstellungen zu lösen und die Sache mittels Logik und gesundem Menschenverstand zu betrachten. Natürlich kann der Name Gottes, gerade weil er so unbestimmt und gleichzeitig äußerst potent ist, leicht missbraucht werden (z.B. wurde und wird ja im Namen Gottes des Öfteren zu Kriegen aufgerufen), doch es ist klares Denken und Wissen, was den Missbrauch entlarvt und damt verhindern kann. Gelingt es uns, uns offen auf einen Gottesbegriff einzulassen, der auf Wissen basiert und nicht auf blindem Glauben, eröffnet sich eine wunderschöne und kraftvolle Dimension in unserer spirituellen Praxis.
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